Dentallabor Marketing

Die Wut der Zahntechniker zeigte sich ungeschminkt auf der IDS 2017

[fa icon="calendar"] 03.04.17 14:39 / von Rainer Ehrich


So laut waren Zahntechniker selten, wie auf der IDS 2017. Besser gesagt im Netz. Ein regelrechter Shitstorm prasselte auf den global Player Ivoclar ein. Die Bewertungen der Fanpage stürzte innerhalb von ein paar Stunden von 5,0 (sehr gut) auf bist zu 2,4 (eher schlecht) herunter. Mehrere Dentallabore stornierten sofort Aufträge, liessen den Außendienst von Ivoclar wissen, dass Zahnläger und Material abholbereit stünden. Der Mitbewerber GC erlebte einen wahren Run auf Lisi und Co, die alternativen Produkten zu Ivoclar. Was war passiert, der diese Wut der Zahntechniker entfachte?


# 1 Shitstorm auf der IDS 2017

Was war passiert? Die Firma Ivoclar hat einen Satz in einem Interview mit einem Zahnarzt geschrieben, der die ganze Wut weltweit bei dem Großteil der  Zahntechniker auslöste. Der Satz lautete folgendermaßen:

"Außerdem generiert der Zahnarzt mehr Umsatz, weil er kein Dentallabor mehr hinzuziehen muss."

 

17554452_10212775825054737_249560080452042779_n.jpg

Was die Sache für Ivoclar nicht besser machte, war, dass sie diesen einen Satz gegen Mitternacht aus dem Netz entfernten. Es zeigte nur noch mehr, dass man marketing-technisch wohl etwas falsch gemacht oder nicht bedacht hatte. 

Kennt Ivoclar seine Zielgruppe nicht?

Ein Aussendienstler hatte noch am Tag danach in einer Facebook Gruppe geschrieben, dass sie doch alle Pro-Dentallabor aufgestellt seien und schließlich 2/3 der Produkte für die Zahntechnik seien.

Ist es dann nicht umso unverständlicher, dass man schreibt, die eigene Zielgruppe sei durch Chairside überflüssig geworden. Dieser Satz hat aber auch gezeigt, dass das Fass für viele selbstständige Zahntechnikermeister schon am Überlaufen ist. Die Themen der letzten Monate, wie Antikorruptionsgesetz, Praxislabore und Chairside erzeugten immer wieder einen Schmerz bei Dentallaboren. Verständlich. 

# 2 Zahntechniker wurden richtig laut

Ich finde es persönlich sehr gut, dass die Zahntechniker endlich einmal richtig laut wurden und gezeigt haben, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Ich habe dort ein Gefühl einer Gemeinschaft gespürt, die innerhalb weniger Stunden wirklich real entstanden ist und weltweit geteilt wurde. Und das ist nicht nur gut so, sondern sensationell.


Wir sollten aber jedem seine eigene Meinung über die Firma Ivoclar lassen. Egal, ob es das Material, die Maschinen oder die Referenten betrifft. Jeder kann in Zukunft entscheiden, ob er bei Ivoclar weiter einkauft oder einen Referenten bucht. Jeder von uns hat mit Sicherheit eine gute Absicht, seine eigene Meinung darüber oder dagegen zu haben. Die Zahntechniker haben mit dem Shitstorm bewiesen, dass sie nicht nur in der zweiten Reihe ein stilles Dasein fristen, sondern noch da sind. Es war selten so laut und das sollten wir als positives Fazit mitnehmen.  

Eigentlich können Zahntechniker sich bedanken, dass Ivoclar den denkbar blödesten Satz zum ungünstigsten Zeitpunkt geschrieben hat. Denn er hat gezeigt, dass die meisten Dentallabore noch leben und auch Macht beweisen können. Weltweit sind Zahntechniker auf die Barrikaden gegangen. 

Ehrich Dental Consulting

# 3 Die Digitailisierung ist nicht aufzuhalten, aber was macht Zahntechniker so sauer? 

Natürlich hat die IDS 2017 uns allen nochmal ganz klar gemacht, dass die Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten ist und dass Zahntechnik immer mehr in der Zahnarztpraxis via Chairside stattfindet. Die großen ABER´s sind es vor allem, die die Zahntechniker ärgern. Wochenend-Kurse, wo die Helferin zur "kleinen Zahntechnikerin" ausgebildet wird, sind für Dentallabore einfach ein No-Go. Wo ein Zahntechniker jahrelang ausgebildet wurde, soll jetzt die ZFA ab Montag den Zahnersatz herstellen:

Das sind originale Auszüge aus den "Mehrwert-Programmen" der Industrie.

  • in 1.5 Tagen zur zertifizierten CEREC Assistenz
  • Vorbereitung des Systems
  • Eingabe von Patientendaten
  • Die digitale Abformung
  • Das Handling der Kamera
  • Design von lnlay, Onlay, Krone etc.
  • Fertigung in der Schleifeinheit
  • Vorbereitung der Zahnrestauration zum Einsetzen sowie die Finalisierung der Restauration 

Ein Zahnarzt hat ca. einen Stundensatz von 300 €, was letztendlich heißt, dass es sich für ihn gar nicht rechnen kann, wenn er Chairside die Arbeit des Zahntechnikers (Stundensatz von ca. 90€) übernimmt. Also muss man es schnell machen oder mithilfe der Helferin. Die Frage der Qualität überlasse ich jetzt einmal der Fantasie jedes Einzelnen. Alleine die Ausbildungzeit und Qualifikation von Zahntechnik ist gravierend unterschiedlich. Cerec und Co sind mit Sicherheit sehr gute Geräte, die einiges können. Dennoch sind sie nur so gut, wie Ihre Bediener. 

# 4 Die Sorgen der Zahntechniker ernst nehmen

Die Zahntechnik steht an Ihrem derzeit vielleicht größten Wandel. Die Industrie macht unaufhaltsam große Profitversprechen für Chairside und einige Zahnärzte kommt dermaßen ins Schwärmen bei solch "tollen" Zahlen, dass sie für einen kurzen Momenent ihre Freiberuflichkeit vergessen. Wird die zukünftige Zahnarztpraxis immer mehr zu einem Gewerbebetrieb?

Ganz zu schweigen von den MVZ´s, die wie Pilze aus dem Boden wachsen. Der Zahnarzt braucht sich eigentlich nur noch einen Gewerbeschein holen und kann dann das Finanzamt mit Gewerbesteuer erfreuen. Wie sehen das eigentlich Zahnärzte, die weder Chairside, noch mit einem Praxislabor arbeiten, wenn die Freiberuflichkeit vielleicht einmal generell in Frage gestellt wird? Wie wird eigentlich die Einzelpraxis verkaufbar sein, wenn so viele MVZ´s entstehen? Wie sieht das eigentlich der Patient? 

Rückt das Patientenwohl immer weiter in den Hintergrund durch rein profitorientierte Versprechen der Industrie und MVZ Modelle? Braucht die "moderne" Zahnarztpraxis nur noch so eine kleine "Rappelkiste", wie sie in Fachkreisen oft liebevoll genannt wird? Quo Vadis Dentalbranche? Alles nur noch digital? Nichts mehr Handmade? Ich glaube das nicht. 

Während dem gewerblichen Dentallabor somit immer mehr Umsatz abgeschnitten wird, könnten die Zahntechnikermeister sich angesichts dieser Lage an den Deal erinnern, als sie den Dentisten aufgegeben haben. Wie die Zahnarzthelferin nach einem Wochenende Zahnersatz machen kann, könnte der Zahntechniker - wie in ganz Europa üblich - den Job des Dentisten wieder erlernen und ausüben.  Aber ist das der Sinn der Sache? 

# 5 Zwei völlig unterschiedliche Berufe mit einem Ziel

Zahnarzt und Zahntechniker sind zwei völlig unterschiedliche Berufe. Der eine macht das (Zahn)Medizinische. Der andere macht das (Zahn)Technische. Jeder macht das, was er kann. Das war auch der grundsätzliche Tenor in Kassel, als wir mit Zahnärzten und Zahntechnikermeistern den Ehrencodex beider Berufsgruppen erarbeitet haben. Es sollte eine ganz klare Trennung der Kompetenzen zum Wohle des Patienten von statten gehen. Eigentlich ganz einfach. 

Fazit:

Der wahre Egoist kooperiert. In der gemeinsamen Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt, Zahntechniker und Industrie liegt der echte Mehrwert für den Patienten. Und wenn es dem Patienten gut geht, geht es allen gut. Chairside ist sicherlich eine gute Alternative für die herkömmlichen Füllungen und provisorischen Kronen. (Sagt ein Zahntechniker) Und ob sich dann die Anschaffungskosten rechnen? Jeder Zahnarzt und jeder Zahntechniker muss heute selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt und in welche digitale Welt er investiert.

Viel Erfolg bei der richtigen Entscheidung.

Ihr Rainer Ehrich

Kategorien: Dentallabore, Chancen in der Zahntechnik, chairside

Neuer Call-to-Action

Abonniere meinen Blog für Tipps

Ehrich Dental Consulting

Abonniere meinen Blog für Tipps